Doping durch Lippencreme: Clostebol-Fall um Langläuferin Therese Johaug
Der norwegischen Skilangläuferin Therese Johaug, Olympiasiegerin und mehrfache Weltmeisterin, droht eine Dopingsperre. Grund: Sie hatte sich in Italien einen Sonnenbrand auf der Lippe geholt.
Daraufhin hatte ihr Ski-Teamarzt in der örtlichen italienischen Apotheke für sie die Lippencreme Trofodermin geholt und gesagt, Therese Johaug könne diese anwenden, damit die Haut besser geschützt werde und die verbrannte Hautstelle schneller abheile.
Gesagt, getan. Allerdings: Beim nächsten Dopingtest an 16. September 2016 fiel dieser positiv aus.
Doch was wie ein vermeintlicher Doping-Skandal wirkt, könnte einfach dem Umstand geschuldet sein, dass die Doping-Liste immer mehr Substanzen aufzählt, die auf Grund auch geringer leistungsstärkender Effekte für Spitzensportler verboten wurden.
Hinzu kommt: Während man im einen Land davon ausgehen kann, dass die Substanz xy dort gar nicht in Cremes oder Lebensmittel verarbeitet wird, kann das im Nachbarland oder auf einem anderen Kontinent schon wieder ganz anders aussehen.
Das führt mittlerweile dazu, dass immer mehr Sportler sich nicht einmal mehr getrauen, eine normale Zahnpasta zu verwenden, aus Angst, da könne irgendeine Aufputsch-Substanz drin sein, die man ihnen dann als Doping auslegen könnte.
Therese Johaug sagte jedenfalls, sie sei sowieso schon übervorsichtig beim Nutzen von irgendwelchen Pflegeprodukten. Auch im Falle der Lippencreme habe sie ihren Ski-Teamarzt gefragt, ob sie diese verwenden dürfe. Das habe dieser wohl etwas leichtfertig, wie sich nun zeigt, bejaht.
Jetzt ist sowohl bei Norwegens Ski-Ass Therese Johaug die Laune schlecht, als auch beim Teamarzt Fredrik S. Bendiksen, für den der Dopingtest eine berufliche Existenzkrise im Spitzensport bedeuten dürfte. Denn wer nimmt schon einen Arzt, der einem die Sportlerkarriere und die Chance auf Werbeverträge und andere Einnahmequellen durch mangelnde Überprüfung von Substanzen versauen könnte?
Verständlich deshalb, dass auch Norwegens Teamarzt Bendiksen zutiefst am Boden zerstört ist und mittlerweile zurückgetreten ist. Er soll gesagt haben, er übernehme die gesamte Verantwortung und habe einfach nicht im Traum daran gedacht, dass eine Lippencreme für einen Sportler Doping bedeuten könne. Nun wolle er alles dafür tun, dass Therese Johaug bald wieder auf internationalen Wettbewerben Skilaufen dürfe.
Therese Johaug erklärte jedenfalls, sie habe noch vor Einschmieren der Lippencreme ihren Teamarzt gefragt, ob diese Creme möglicherweise verbotene Substanzen enthalten könne, was dieser aber verneint habe.
Eine Urinprobe habe dann am 16. September das für sie niederschmetternde Ergebnis eines „Out of Competition Test“ (Dopingtest) ergeben. Erst am 4. Oktober war Therese Johaug schließlich über das Testergebnis durch „Anti-Doping Norwegen“ informiert worden.
Teamarzt Fredrik S. Bendiksen erklärte in einer Pressemeldung:
„Das Wichtigste für mich ist jetzt, dass ich alles dafür tue, dass sie nicht bestraft wird, weil sie eine Creme benutzt hat, die ich ihr als legal zu nutzen versichert hatte.“
Therese Johaug sagte: „Ich bin am Boden… zerstört und verstört, dass ich in dieser sehr schwierigen und für mich unwirklichen Situation angekommen bin. Ich finde es unfair und total unverdient, obwohl ich mir natürlich meiner Verantwortung als Athletin für die Medizin, die ich benutze, bewusst bin.“
Nach der Webseite drugs.com müssten Sportler damit rechnen, dass Trofodermin (oder die damit verbundenen Stoffe) in den folgenden Staaten in Produkten enthalten sein könne: In Italien und Brasilien.
Wikipedia schreibt wiederum:
„Clostebol (INN), auch unter den Marken-Namen Steranabol, Test-Anabol (Red. Anmerkung: oder eben Trofodermin) bekannt, ebenso als 4-chlorotestosterone bezeichnet und üblicherweise als Ester Clostebol Acetat, ist ein synthetisches anaboles androgenes Steroid. Clostebol ist das 4- Chlor-Derivat des natürlichen Hormons Testosteron. Die Chlorierung verhindert die Umwandlung in Dihydrotestosteron (DHT), während gleichzeitig die chemische Umwandlung Östrogen bildet.“
Trofodermin, beziehungsweise Clostebol, wird mittlerweile auf Grund seiner leicht leistungsstärkenden Wirkung als Doping-Droge geführt und gilt deshalb nach Ansicht der Welt-Anti-Doping-Agentur als verbotene Substanz. Dazu gehören auch die leicht abgewandelten Substanzen Turinabol oder Dianabol, welche vor allem von DDR-Spitzensportlern gerne genommen wurden.
Nachtrag der Redaktion: Der Internationale Sportgerichtshof (Court of Arbitration for Sport, CAS) sperrte Therese Johaug im August 2017 für 18 Monate. Sie verpasste damit die Olympischen Winterspiele 2018. Dieser Beitrag gibt ansonsten den Stand vom Oktober 2016 wieder.